Informationen zur Orgel

Errichtung der Orgel

Die Arbeiten an der Orgel gehen voran

Die Orgel ist bereits soweit aufgebaut, dass nun bald die Arbeiten zur Intonierung beginnen können

"Eine Königin in neuem Glanze" von Stephan Mayer, Orgelbaumeister

Ist es nicht erfüllend und beruhigend zu erkennen, dass gerade in unserer heutigen immer schnelllebigeren Zeit alte Werte wieder stärker zur Geltung kommen - wie wir Ihnen wieder Beachtung und Aufmerksamkeit schenken, weil sie unsere Seele besonders berühren? Gerade aus der Achtung und Wertschätzung des historischen Erbes vergangener Generationen können wir Hoffnung für den Fortbestand unserer eigenen Werte in der Zukunft schöpfen. Nicht immer muss das Alte Platz für das Neue machen, denn Qualität hat Bestand!

Im Besonderen galt dies auch für die Überlegungen hinsichtlich der Konzeption zur Renovierung und zum technischen Neubau der Orgel in der Benediktinerabtei St. Mauritius Tholey. Der prachtvolle, barocke Orgelprospekt geht auf den Orgelbauer Romanus Benedikt Nollet (1) aus Trier zurück, der sich in den Jahren 1736-1738 in Tholey niederließ, um ein beeindruckendes Orgelwerk mit 32 Register, verteilt auf Rückpositiv, Hauptwerk und Pedal, zu erschaffen. Der Registerbestand dieses Orgelwerkes wurde leider durch die Truppen in der französischen Revolution zerstört.

Das historische Orgelgehäuse hat in der Zeit, seiner immerhin schon über 280-jährigen Geschichte, nach dem Orgelbau von Nollet 3 Orgelwerke beherbergt. Der letzte technische Neubau stammt aus den 1960 Jahren und wurde von der Firma Gebr. Oberlinger aus Windesheim ausgeführt. Dieses Instrument besaß 43 Register, verteilt auf 3 Manualen und Pedal, also 1 Manual und 11 Register mehr, als das Ursprungswerk von Nollet. Dabei wurde das Niveau des Hauptwerk-Gehäuses hinter dem Brüstungsgehäuse um ca. 85 cm angehoben und vermutlich auch nach hinten versetzt. Auf diese Weise wurde ein ganz neues Erscheinungsbild in der Proportion der beiden Orgelgehäuse zu einander geschaffen.

Aus heutiger Sicht ist es wichtig zu wissen, dass im Orgelbau die 1950er und 1960er Jahre eine Zeit des Umbruchs darstellten. In den Jahren der industriellen Revolution 1890 bis zu Beginn des 2. Weltkrieges 1939, auch noch etwas darüber hinaus, wurden gerade in Deutschland Orgelwerke mit damals sehr modernen pneumatischen und später elektro-pneumatischen Steuerungen unter Verwendung von Registerkanzellen-Windladen hergestellt. Diese Fertigung war sehr industriell geprägt und brachte Orgeln mit sehr einheitlicher Klangcharakteristik hervor. Im Laufe der 1950er Jahre besannen sich Orgelbauer, Orgelsachverständige und Organisten auf die traditionellen Werte und Qualitätsmerkmale dieser „Königin der Instrumente“, so dass der mechanische Orgelbau unter Verwendung von Schleifwindladen wieder favorisiert wurde. Viele der dazu notwendigen Jahrhunderte alten Techniken von der Konstruktion bis zur Fertigung der systemischen Teile, der mechanischen Trakturen und Windladen, mussten neu erlernt und angewendet werden. Hinzu kam, dass in dieser Zeit neuartige Materialien, wie Aluminium, künstlich hergestellte Holzwerkstoffe (Spanplatten, Tischlerplatten) und auch Schaumstoffe auf Grund ihrer Vorteile (schnelle Verfügbarkeit, Leichtigkeit, Flexibilität, etc.) Einzug in den Orgelbau hielten. Heute wissen wir auf Grund Jahrzehnte langer Erfahrung mit diesen Werkstoffen, dass sie auch viele Nachteile mit sich brachten und gerade in Punkto Haltbarkeit und Präzision nicht überzeugt haben.

Zusammengefasst haben wir folgende Substanz vorgefunden: ein historisches Prospektgehäuse, bestehend aus einem Ensemble mit Brüstungswerk und Hauptwerksgehäuse, das seine Ursprünge 1736 hat. Dazu das Pfeifenwerk und die abgängige Orgeltechnik aus den 1960-iger Jahren. Zusammen mit den Verantwortlichen der Abtei und dem Orgelsachberater waren wir uns einig darüber, dass die gute und wertvolle Substanz des Instruments, d.h. das historische Prospektgehäuse und ein Großteil des Pfeifenbestandes beibehalten werden sollten. Die Technik der Orgel sollte auf einen Stand gebracht werden, der zum einen Langlebigkeit und Beständigkeit garantiert und zum andern auch den höchsten spieltechnischen Ansprüchen gerecht wird. Der vorhandene Registerbestand der Orgel wurde im Wesentlichen von uns übernommen. Erneuert wurden alle Mixturen, die Zungenstimmen und die Aliquot-Register im Schwellwerk. In Zahlen ausgedrückt wurden von den 2.476 einzelnen Pfeifen des Instruments nun 1.226 Pfeifen (49,52 %) neu hergestellt.

Das ursprüngliche und nicht originale Brustwerk wurde von uns aus dem Hauptwerksgehäuse ausgebaut und durch ein dahinter positioniertes, großes Schwellwerk mit 16‘-Basis ersetzt. Durch all diese Maßnahmen erhält das Pfeifenwerk mehr Platz zur Aussprache, die Obertönigkeit des Klanges wird gemildert und die Vielfalt der Klangvariationen wird vergrößert, um damit die musikalischen Verwendungsmöglichkeiten des Instruments zu erweitern. Darüber hinaus wird dadurch dem Klang der Orgel mehr Gravität verliehen.

Die vorhandene Spielanlage und die Windladen wurden aufgegeben. Übernommen und renoviert wurden der große Magazinbalg und das Orgelgebläse. Ein Hauptbestandteil der Orgel sind die neuen Windladen. Es handelt sich dabei um mechanische Schleifladen, welche dem Organisten ein sehr feinfühliges Spiel erlauben. Durch sehr dünne Holzleisten, den mechanischen Verbindungen zwischen den Tasten und den Tonventilen in den Windladen, den sogenannten Abstrakten, ist es dem Orgelspieler durch die Wahl seines Anschlages auf die Tasten möglich Einfluss auf die Tonerzeugung und damit dem Erklingen der Pfeifen zu nehmen. Die Abstrakten bestehen aus sehr leichtem Zedernholz mit einem Querschnitt von 6 x 1 mm. Hintereinander angeordnet ergeben sie eine Gesamtlänge von 540 m.

Ebenso neu und in Eichenholz gefertigt wurde der Spieltisch. Das formschöne Spieltischdesign orientiert sich an klassischen Vorbildern und wurde sehr bedienerfreundlich gestaltet. Die Registerzüge sind aus Ebenholz gedrechselt. Die Registernamen stehen auf runden Porzellanplättchen, die in der Stirnseite der Registerzüge eingelegt sind.

Die Betätigung der Register erfolgt durch eine elektrische Registersteuerung mit einer sogenannten „Setzeranlage“ als Spielhilfe. Diese ermöglicht es dem Organisten die sogenannte Registrierung, dies ist die Abfolge von Registern, also Klangfarben, die er für ein Konzert oder für die Gestaltung des Gottesdienstes verwenden möchte, zuvor einzuspeichern und die einzelnen Registereinstellungen dann, wenn er sie benötigt, per Knopfdruck abzurufen.

Die Anordnung der Teilwerke wurde wieder auf den historischen Bestand des 18: Jahrhunderts zurückgeführt. Das Niveau des Hauptwerkgehäuses haben wir um ca. 80 cm reduziert und wieder näher heran an das Brüstungsgehäuse gesetzt. Auf diese Weise hat der Orgelspieler mehr akustischen Kontakt zum hinter ihm positionierten Rückpositiv und dem Pedalwerk. Die Pedalregister wurden, bis auf die Zungen, wieder komplett im Brüstungswerk angeordnet. Dadurch wird die Tragfähigkeit und Klanghomogenität des Pedals als klangliches Rückgrat der Orgel gestärkt.

Alle unsere Anstrengungen zum Bau der Orgel gelten dem Streben nach Werthaltigkeit und Beständigkeit in Verbindung mit architektonischer und klanglicher Anmut.

(1) Historische Orgeln im Saarland, Bernhard Bonkhoff, 2015

Der Autor ist geschäftsführender Gesellschafter der Hugo Mayer Orgelbau GmbH, die die Orgel der Benedektinerabtei renoviert und technisch neu gebaut hat.