Engelsgesänge: Ein Abend voller Licht und Dankbarkeit in der Abteikirche Tholey
Gut 120 Besucherinnen und Besucher erlebten in der beheizten Abteikirche St. Mauritius einen Konzertabend, der auf besonders schöne Weise Musik, Geschichte und Gegenwart miteinander verband. Schon die herzliche Begrüßung durch Abt Wendelinus schuf eine offene, zugewandte Atmosphäre. Sein Willkommen ließ spüren, dass die Kirche nicht allein ein Ort von großer Vergangenheit und Kunst ist, sondern ein lebendiger Raum der Begegnung.
Musik im geschichtsträchtigen Kirchenraum
Die Abtei Tholey gehört zu den ältesten Klostergründungen auf deutschem Boden.
Ihre Geschichte reicht bis in die frühe Zeit des Christentums im Saarland zurück; die heutige frühgotische Abteikirche entstand im Wesentlichen im 13. Jahrhundert. Der Raum trägt diese lange Geschichte sichtbar in sich: romanische Bauteile, gotische Architektur und barocke Ausstattungsstücke begegnen einander und geben dem Gotteshaus eine besondere Tiefe.
Auch die jüngere Kunstgeschichte ist hier unmittelbar präsent. Das farbige Licht der Fenster von Mahbuba Elham Maqsoodi und Gerhard Richter prägt den Kirchenraum auf ganz unterschiedliche Weise: Maqsoodis figürliche Darstellungen biblischer Themen treffen auf Richters abstrakte, spiegelnde Farbformen im Chor. So wurde das Konzert von einer Kunst umgeben, die nicht bloß schmückt, sondern den Blick und das Hören öffnet. Die Verbindung aus jahrhundertealtem Sakralraum und zeitgenössischer Glaskunst gab den Liedern und dem Orgelspiel einen eindrucksvollen Resonanzraum.
Eine kurzfristige Einspringerin, die den Abend prägte
Im Mittelpunkt stand die junge Sängerin Anastasia Telko, die kurzfristig eingesprungen war. Umso bemerkenswerter war die Souveränität, mit der sie sich dem anspruchsvollen Programm widmete. Die im Programm als Mezzosopran ausgewiesene Sängerin studiert Gesang an der Hochschule für Musik Saar in Saarbrücken und sammelt dort Bühnenerfahrung. An diesem Abend zeigte sie eine starke musikalische Präsenz und eine unmittelbare, feinfühlige Gestaltungskraft. Ihre Interpretation wirkte nicht wie eine bloße Bewältigung einer kurzfristig übernommenen Aufgabe, sondern wie ein persönliches und überzeugendes Bekenntnis zur Musik und sorgte auch bei den Bewohnern des Klosters für außergewöhnliche Gänsehautmomente.
Das Programm spannte einen weiten Bogen durch mehrere Jahrhunderte: von Johann Heinrich Schütz und Jakob Arcadelt über Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy bis zu César Franck, Camille Saint-Saëns und Bedřich Smetana. Dazu kamen geistliche und volkstümlich geprägte Lieder, darunter „Ave Maria“, „Wie wohl ist mir“, „Guten Abend, gut’ Nacht“ und „Die Moldau“ in einer außergewöhnlichen Interpretation an der Orgel.
Anastasia Telko begegnete dieser stilistischen Vielfalt mit überzeugendem Ausdruck und himmlischer Wärme. Die unterschiedlichen Werke erhielten jeweils ihren eigenen Charakter, ohne dass der Abend seinen zusammenhängenden, innigen Ton verlor.
An der Orgel begleitete Prof. Bernhard Leonardy, dessen langjährige künstlerische Arbeit eng mit der Kirchenmusik im Saarland und mit der Abtei Tholey verbunden ist. Als Kantor, Konzertorganist und Leiter musikalischer Projekte bringt er umfassende Erfahrung in die Gestaltung sakraler Konzertprogramme ein. Seine Begleitung gab der Stimme Halt und zugleich Raum; das Zusammenspiel wirkte aufmerksam, sicher und in den Übergängen fein abgestimmt.
Give me Jesus
Für viele war die Interpretation von “Give me Jesus” von dem amerikanischen Komponisten und Arrangeur von Chormusik Moses George Hogan das Highlight des Konzertes. Zum einen weil gerade an Allerheiligen diese Bekenntnis zum Licht und zur Auferstehung eindeutig sind, zum anderen wegen der dramatischen Lebensgeschichte von Mr. Hogan, zum dritten wegen der unbeschreiblichen Schwingung, die sich beim Gesang von Anastasia Telko und dem Spiel von Bernhard Leonardy an der Orgel entwickelte. Als ob der gesamte Bau sich erhebt und zugleich niederkniet, als ob das Geheimnis keines mehr ist, sondern selbstverständliche Realität.
Ein Schluss, der lange nachklingt
Als Zugabe erklang in der angenehm beheizten Kirche „Ombra mai fu“ aus Georg Friedrich Händels Oper Serse. Der innige, ruhige Charakter des Stücks erwies sich als idealer Abschluss. Nach dem letzten Ton blieb die emotionale Wirkung nicht auf den Kirchenraum beschränkt: Besucherinnen und Besucher traten zu Anastasia Telko, manche mit Tränen in den Augen. Eine Dame zum Beispiel umarmte die Sängerin mit viel Augenregen und dankte ihr von Herzen. Dieser bewegende Moment sagt mehr über die Kraft des Abends als jedes überschwängliche Lob.
Abt Wendelinus beschloss das Konzert mit einem herzlichen Schlusswort und dankte den Künstlern sowie den Gästen. So endete ein rundum gelungener Abend, getragen von Gastfreundschaft, musikalischer Qualität und einer besonderen menschlichen Nähe.
Vor allem Anastasia Telko verdient höchste Anerkennung: Kurzfristig eingesprungen, füllte sie den Raum mit einer berührenden Präsenz und schenkte den begeisterten Besucherinnen und Besuchern einen Konzertmoment, der vielen noch lange in Erinnerung bleiben dürfte.
Von daher traf der Titel des Konzerts vollkommen zu: Engelsgesänge!
GEBET. GESCHICHTE. GEGENWART.

