Die Verehrung des hl. Mauritius in Tholey und Umgebung

Der fränkische Diakon Adalgisel genannt Grimo erbaute Anfang des 7. Jahrhunderts in den Resten einer römischen Ablage die erste rechteckige Kirche als Eigenkirche und siedelte ein klösterliche Gemeinschaft. 634 übergab Grimo per Testament seine Stiftung dem bischöflichen Stuhl von Verdun,[i] dessen Herrschaftsrechte bis ins 14. Jahrhundert dauern.[ii] Trier sorgt für die seelsorglichen Belange. Zu Beginn des 8. Jahrhunderts wird die Kirche durch eine rechteckige Choranlage erweitert und dürfte die Geschichte des Benediktinertums in Tholey kennzeichnen.[iii]

Sicher ist das spätestens im Jahre 920, als man von Verdun Reliquien nach Tholey überführte, Mauritius als Patron der Abteikirche und des Klosters zu Tholey geworden ist.[iv] Neuere Forschungen weisen jedoch darauf hin, dass der hl. Mauritius von Beginn an (um 600) in Tholey verehrt wurde.[v]

Das Kloster Tholey war ursprünglich im Besitz beider Unterarmknochen. Eine dieser Knochenreliquien kam jedoch im 8. Jahrhundert durch den Abt Craudingus nach Beaulieu (Argonnen). Craudingus stiftete dort ein Kloster das ursprünglich Wasilogum hieß.[vi] Dort wurde bereits um 800 von einer bis heute erhaltenen Mauritius-Reliquie berichtet, die das Gegenstück zur Tholeyer Armreliquie darstellt. Dies beweist, dass das Mauritiuspatrozinium schon früh in Tholey bestand. Im Mittelalter entwickelte sich in Tholey eine Pflichtwallfahrt zum hl. Mauritius. Seine Verehrung stand in Tholey in enger Verbindung mit der Verehrung des hl. Wendelin. 1454 wurde erstmals eine Liste mit der zu dieser Wallfahrt verpflichteten Dörfer niedergeschrieben.[vii] Rund 50 Orte, die zum Teil mehr als 40 Kilometer von Tholey entfernt lagen, waren verpflichtet, Gaben für die Armen und das Kloster mitzubringen. Alljährlich am Mittwoch in der Pfingstwoche zogen die Tholeyer Mönche und das Volk mit dem Schrein des hl. Mauritius nach St. Wendel. Klerus und Volk von St. Wendel zogen ihnen in Prozession mit den Gebeinen des hl. Wendelinus entgegen. Gemeinsam feierte man dann in der dortigen Pfarrkirche ein feierliches Amt, das der Abt von Tholey zelebrierte.

Am Pfingstfreitag kam auch eine Prozession von St. Wendel mit dem Schrein des hl. Wendelin nach Tholey gezogen. Konvent und Volk zogen auch mit den Gebeinen des hl. Mauritius entgegen bis zum Doppelkreuz. Das alte Kreuz im Mündungsbereich St. Wendler Straße und Dirminger Straße mit den beiden Steinbänken erinnert noch bis heute an diese Tradition.[viii]

[i] Levison, W.: Das Testament des Diakons Adalgisel-Grimo vom Jahre 634; In: Aus rheinischer und fränkischer Frühzeit, Düsseldorf 1948, Seite 118 bis 138. Erstveröffentlicht in Tierer Zeitschrift Nr. 7, 1932, Seite 69-85. Hermann, H.-W.: Das Testament des Adelgisel-Grimo. In: Bericht der Staatlichen Denkmalpflege des Saarlandes, Saarbrücken 1973, S. 67-89

[ii] Hübinger, P.E.: Die kirchlichen Beziehungen der Kirche von Verdun zu den Rheinlanden, Rheinisches Archiv 28, Bonn 1935. Hinzu: Hübinger, P.E.: Eine unbekannte Urkunde über die Beziehungen der Abtei Tholey zur Kirche von Verdun. In: Rheinische Vierteljahresblätter Nr. 11, 1941, S. 263-269

[iii] Reichert, F.J.: Die Baugeschichte der Benediktiner-Abtei Tholey. Veröffentlichung des Instituts für Landeskunde des Saarlandes Band 3, Saarbrücken 1960, S. 62 f

[iv] Haubrichs, W.: Die Tholeyer Abtslisten des Mittelalters. Philologische, onomastische und chronologische Untersuchungen. Veröffentlichungen der Kommission für saarländische Landesgeschichte und Volksforschung Band 15, Saarbrücken 1986, S. 92 ff

[v] Staab, F.: Wann beginnt die monastische Tradition Tholeys? In: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend Band 34, 1988, S. 17-25. Staab, F.: Wann beginnt die monastische Tradition Tholeys? In: Tholeyer Brief Nr. 23, 1989, S. 10-20

[vi] Thiele, A.: St. Rodingus in der Frühzeit von Tholey. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte Band 7, 1955, S. 337-344S

[vii] Pauly, F.: Die Tholeyer Prozessionsliste von 1454. In: Rheinische Vierteljahresblätter Band 29, 1964, S. 331-336

[viii] Selzer, A: St. Wendelin. Leben und Verehrung eines alemannisch-fränkischen Volksheiligen, Mödling b. Wien 1962, S. 152