Der Kult des hl. Mauritius bis zum 13. Jahrhundert

Im 15. Jahrhundert wurde der hl. Mauritius Patron etlicher Ritterorden, wie zum Beispiel im Falle des Ordens vom Goldenen Vlies.[i] Dieser in Burgund gestiftete Orden sollte der höchste Habsburger Orden werden.[ii] Dies kam dadurch, dass nach dem Tod Karls des Kühnen in den Burgunderkriegen (1477) Burgund aufgeteilt wurde.[iii] Während das eigentliche Herzogtum Burgund als Lehen in den Besitz der französischen Krone überging, sicherte sich das Haus Habsburg durch geschickte Heiratspolitik die wirtschaftlich bedeutendsten Besitzungen des Hauses Burgund-Valois, namentlich Flandern und die Freigrafschaft Burgund.[iv]

Neben dieser noch in die Zeit vor Maximilian fallenden Entwicklung stellt aber des Kaisers Interesse für seine Vorfahren und für Heilige, die zum Haus Habsburg einen Bezug haben, ein besonderes Zeugnis dar. Der Habsburger ließ ein eigenes Legendar mit Legenden von „habsburgischen Heiligen“ abfassen. Verfasser dieses umfangreichen Werkes war Jakob Mennel, der als Hofhistoriograph Maximilians eine humanistisch-wissenschaftliche Arbeitsweise an den Tag legte.[v] Kaiser Maximilian hatte als Oberhaupt des Hauses Österreich und römisch-deutscher König das habsburgische Legendar als Teil einer Chronik über das Haus Habsburg im Jahre 1505 in Auftrag gegeben. Die große Bedeutung, die Maximilian selbst diesem Werk zumaß, zeigt sich darin, dass er sich daraus selbst noch auf dem Totenbett im Jahre 1519 vorlesen ließ. Diese  Chronik enthielt zentrale Aussagen zum Selbstverständnis des Kaisers und seiner Familie als gottgewollte Obrigkeit.

Die so genannte Fürstliche Chronik wird heute in handschriftlichen Fassungen aus dem Jahre 1518 in der Österreichischen Nationalbibliothek zu Wien aufbewahrt. Sie teilt sich in insgesamt fünf Bücher auf, wobei das fünfte Buch das habsburgische Heiligenlegendar darstellt. Dieses fünfte Buch mit den habsburgischen Heiligenlegenden unterteilt sich in zwei Teile. Der erste Teil ist das Seligenbuch und der zweite Teil ein der kalendarisches Verzeichnis der Heiligen.

Das Heiligenbuch von 1518 ist dabei die zweite Fassung eines Vorgängerbuches, das Jakob Mennel bereits im Jahre 1514 als Auszug seiner Arbeiten Kaiser Maximilian vorlegte. Auch diese Legendensammlung von 1514 war in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil beinhaltet die Legenden der blutsverwandten habsburgischen Heiligen der zweite Teil die „Freunde“ des Hauses Habsburg.

Nach der Legenderfassung von 1514 ergibt sich für den uns interessierenden hl. Mauritius folgendes Bild. Jakob Mennel hatte bereits bei der Schilderung des heiligen Sigismunds (um 474-524) von den Arbeiten des Wiener Theologen Sunthaym profitieren können.  Der historisch nachweisbare Sigismund war Burgunderkönig, der zu Anfang des 6. Jahrhunderts regierte. Er hatte 515 die Abtei St. Maurice d`Agaune gegründet. Dabei bleibt dennoch die Frage offen, weshalb die Vita des heiligen Mauritius, dessen Kultzentrum sich ebenfalls in St.-Maurice d’Agaune befand, von Mennel nicht wiedergegeben wird. Seine Mauritius-Legende bricht nach nur wenigen Sätzen zu dessen Herkunft mit dem Hinweis ab, dass man über diesen Märtyrer ja auch beim heiligen Sigismund nachlesen könne. In der Sigismund-Legende schreibt Mennel aber kein Wort über den heiligen Mauritius.

Der heilige Mauritius findet sich in den Aufzeichnungen Sunthayms und auch im Legendar der habsburgischen Heiligen, sowohl 1514 wie auch 1518. Der hl. Mauritius soll nach Sunthaym ein Neffe des burgundischen Königs Konrad und der Schwestersohn des burgundischen Königs Sigismund gewesen. In „Santo Mauricio in St. Gambliaco“ in Solothurn habe er über Mauritius gelesen. Zusammen mit dem Märtyrer lägen dort sehr viele Fürsten, Soldaten und Adlige begraben. Doch nun stellt Sunthaym einen Widerspruch fest, da  der beschriebene Mauritius aus dem Orient stammen soll und dennoch ein Abkömmling des burgundischen Königshauses sei. Offensichtlich war Sunthaym nicht nur in der Abtei St.-Maurice d’Agaune gewesen, wo er sich mit Hilfe zahlreicher Schriften und einem Klosterschatz, der viele Werke merowingischer Kunst umfasste, ein Bild Burgunder-Epoche hätte machen können.

Sunthayms Verwirrung beruht vermutlich auf dem Umstand, dass Friedrich III., Maximilians Vater, bereits 1442 vom Stiftspropst der Solothurner Kathedrale Thebäer-Reliquien erhalten hatte. 1473 hatte in Solothurn man 37 Skelette gefunden, die man kurzerhand zu den sterblichen Überresten der Gefährten des hl. Mauritius, nämlich der Thebäerheiligen Urs und Viktor erklärte. Das Schicksal der Thebäer war also schon lange vor den Forschungen von Sunthaym und Mennel den Habsburgern, zuvorderst Maximilians Vater, ein Anliegen gewesen. Solothurn hatte durch den spektakulären Skelettfund auf sich aufmerksam gemacht und den Blick für den eigentlichen Ort Agaune somit um 1500 verstellt. Es lag daher für Sunthaym also nahe, in Solthurn Forschungen zum Schicksal der Thebäer und des heiligen Mauritius anzustellen.

Mennel verließ sich nun zunächst auf Sunthayms Forschungen, wie seine inhaltlichen Angaben in der Mauritiuslegende belegen. Er löste den Widerspruch mit dem Konstrukt auf, dass zwei Heilige mit den Namen Mauritius gegeben hätte. Der erste sei Herzog von Theben gewesen, wobei dieser Mauritius aber nicht der habsburgische Heilige sei. Der zweite Mauritius sei der Neffe des burgundischen Königs Sigismund gewesen. Dies war aber so abwegig, dass Mennel später im Jahre 1514 selbst noch hinzufügt: „such weytter“.

Die Konstruktion Mennels über Sunthayms Angaben hinaus ist einzig der Versuch, Widersprüche durch Logik aufzulösen.

Die Enthauptung des Hl. Mauritius. Stich von J.N. Strixener von 1828 nach einem Gemälde von Pierre des Mares aus dem Jahre 1517

[i] Herzberg, A.J.: Der Heilige Mauritius. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Mauritiusverehrung, Düsseldorf 1936, S. 89 ff

[ii] Hauser, W.G.: Der Orden vom Goldenen Vlies. In: Deutsches Adelsblatt, Mitteilungsblatt der Vereinigung der Deutschen Adelsverbände, Nr. 38, 1999, S.122–128. Ordenskanzlei des Goldenen Vlieses (Hg.): Das Haus Österreich und der Orden vom Goldenen Vlies, Graz/Stuttgart 2007

[iii] Smedt de, R. (Hg.): Les chevaliers de l’ordre de la Toison d’or au XVe siècle, notices bio-bibliographiques, (Kieler Werkstücke, D 3), 2. verbesserte Auflage, Frankfurt 2000

[iv] Kamp, H.: Burgund. In: Die Welt des Mittelalters, München 2011, S.26

[v] Reinhardt, T.: Die habsburgischen Heiligen des Jakob Mennel, Dissertation, Freiburg im Breisgau 2002